Freitag, Mai 8, 2026

die Brat in mir

Als ich in die Welt der Sexualität und zwischenmenschlichen Beziehungen außerhalb der Familie eingetaucht bin, war mir zu Beginn gar nicht klar, dass es eine Art Begriff für mein Verhalten gibt, was sich ab und an gern mal in den Vordergrund drängt. So war es schon immer, auch als Kind.

Wie es auch der Titel schon vermuten lässt, geht es um den / die Brat. Gemeinhin wird es als eine Person beschrieben, die sich wie ein ungezogenes oder freches Kind benimmt. Kommt BDSM Kontext hinzu, hat die betreffende Person offensichtlich Spaß daran, bewusst unartig zu sein und damit die dominante Person zu (gewünschten) Handlungen oder Worten zu reizen.

gängige Gründe für Brattiness

  • Provokation von Konsequenzen (D/s)
  • Lust auf Strafe und Schmerz (S/m)
  • Machtgefälle neu diskutieren


Das wiederum klingt im ersten Moment nicht besonders stimmig oder sinnvoll und mittlerweile ist mir auch klar, warum es sehr viele Dom/mes erst einmal abschreckt. Es hat zugegebenermaßen eine Menge von “topping from the bottom” - also Sub manipuliert damit Dom/mes Verhalten mehr oder weniger in indirekter Weise.

Als Ergebnis wird dann oft ein/e genervte/r Dom/me und ein/e total überdrehte/n Sub (fühlt sich unwiderstehlich und verdammt witzig) befürchtet. Weil unbewusst die Grenze zwischen Spaß und das Ganze als dominante Person persönlich nehmen überschritten wurde.

Ich als Brat finde, dass ist dann doch etwas zu schwarz / weiß gedacht - zumindest in meinem Fall. : ) Allerdings streite ich nicht ab, dass es so sein KANN, aber keineswegs auch immer sein MUSS.

ein Plädoyer für die Brat

In allen Bereichen des Zwischenmenschlichen gibt es positive und negative Aspekte. Selbst die Vorliebe eines Menschen kann sich mit unterschiedlichen Personen auch komplett unterschiedlich anfühlen. Das wird, so meine Wahrnehmung, beim Thema Brattiness häufig verdrängt oder vergessen. Warum das so ist, kann ich nicht sagen, aber auch wir Brats können grundverschieden sein.

Ein befreundetes dominantes Pärchen beschrieb mir vor einiger Zeit mal ein Brat Verhalten, was ich selbst nicht für möglich gehalten hatte. Die Sub war augenscheinlich dauernd frech und lieferte sich mit ihren Dom/mes regelrechte Ringkämpfe am Boden. Nach einer besonders heftigen Rangellei gab es sogar gebrochene Knochen.

Jetzt war mir erst so richtig klar, warum oft Brats nicht gerade mit offenen Armen empfangen werden und für Anfänger:innen auch wohl schier ungeeignet erscheinen. Das ist aber so gar nicht meine Lebensweise und Interpretation, allerdings möchte ich Menschen, die es genau so mögen, nicht in ihrem Kink abwerten. Wobei ich mich dann schon hin und wieder frage, warum gerade diese Extreme (für mich ist ein Knochenbruch extrem) scheinbar besonders in Erinnerung bleiben?

meine Motivation

Ich kann natürlich auch nur von mir und meinen Beweggründen schreiben und nicht für andere Brats mitdefinieren. Es kommt immer diese Frage irgendwann: Warum tust du das überhaupt? Was bringt es dir?

Es ist nicht einfach diese Emotionen in richtige und vollständige Worte zu fassen. Es ist, so glaube ich einfacher, erstmal davon zu schreiben, was ich damit NICHT erreichen möchte:

  • Dom/me zum Kontern zwingen
  • Machtverhältnisse umdrehen
  • Dom/me den Tag vermießen
  • Aufmerksamkeit erzwingen
  • Kink / Fetisch erzwingen

Ja was denn dann?

Manchmal überkommt mich der Spieltrieb zusammen im BDSM Kontext wie ein Vulkan, damit gehöre ich erstmal nicht zu jenen, die dauerhaft frech oder ungehorsam aggieren. Für mich wäre das nämlich zu plump und damit leicht vorhersehbar und langweilig. Ich möchte nicht wie ein völlig passiver Empfänger auf die nächste Gemeinsamkeit oder Gemeinheit warten, sondern meinen Teil dazu beitragen das Leben interessanter zu gestalten.

Zusätzlich möchte ich Dom/me durchaus auch mal einen triftigen Grund geben Sub zu bestrafen. Für mich ist diese Dynamik interessanter als reiner S/m, wo es eben nur um den Schmerz geht. Im D/s steht hier das Machtgefälle im Fokus - das unmittelbare Spüren von Dominanz und Devotion. Was für ein heftiger Kick wenn Dominanz / Überlegenheit ganz plötzlich spürbar wird und so auf die wilden Hormone des Sub trifft - bääm… Explosion.

Das Grundgefühl eine gute Sub zu sein, wird davon nicht tangiert.

ABER.

Mittlerweile glaube ich, dass es sinnvoller wäre, es Dom/me direkt wissen zu lassen, wenn die Hormone gerade durchdrehen, man als Sub (* ich) aber nicht möchte, dass Dom/me sofort das Spielzeug auspackt - sondern nur, dass der dominante Part es auch weiß. Natürlich wäre es wunderbar, wenn Dom/me die Muse hat, das Angebot sofort anzunehmen. Jedoch kann ein Blick ausreichen, um die Angelegenheit sofort wieder runterzukühlen. Ich jedenfalls möchte mich überhaupt nicht aufdrängen, schon gar nicht als Sub.

Meine Brattiness ist meine Art als Sub zu sagen, dass ich grade sehr gern spielen möchte UND das dafür auch schon Ideen bereit stehen. Ich denke es fällt mir sehr schwer darum direkt und eindeutig zu bitten (ich vermute vielen anderen Brats fällt das auch schwer, weil es sich irgendwie anfühlt, man würde die Zügel selber in die Hand nehmen wollen), zumindest bisher - mittlerweile möchte ich ausprobieren, was passiert, wenn ich es explizit mit Worten kommuniziere…

problematische Probleme…

für Dom/me

Eines möchte ich aber nicht unter den Teppich kehren. Entfernungen und Brattiness haben gewisse Berührungspunkte. Es kann durchaus vorkommen, dass eine große Klappe um so größer wird, je größer gerade die Entfernung zwischen Dom/me und Sub ist.

Ich verstehe sehr, wie frustrierend das für Dom/me sein kann und stimme sogar in der Hinsicht (riesengroße Klappe) der Unfairness zu und zwar gegenüber Dom/me.

für Sub

So ein Vulkanausbruch an Gefühlen kann Sub schonmal dazu verleiten Dinge anzubieten, die eigentlich wenig bis gar nicht eingehalten werden können. Dann steckt Sub mal so richtig in der Klemme und ich gebe zu, trotz des Jammers und Flehens ist es wohl dann auch verdient. Vielleicht setzt Sub beim nächsten Vulkanausbruch ja doch etwas mehr das Hirn zum Denken ein…

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